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Besichtigung Schwerverkehrszentrum Uri und Schweizer Verkehrshaus in Luzern

11. Mai 2017 |

Ein klein wenig enttäuscht zeigten sich unser Vorsitzender und auch die erschienenen Exkursionsteilnehmer darüber, dass an der einzigen Ganztagesveranstaltung der Bezirksgruppe im Jahr 2017, nicht mehr als 15 Personen Interesse zeigten. Nichts desto trotz machte sich die kleine Reisgruppe aus dem Badischen bereits um 7:00 Uhr gut gelaunt auf den Weg in die Schweiz und spätestens als man aus dem Bus heraus die Sonne auf die saftigen Weiden unseres Nachbarlandes scheinen sah, war bei allen Teilnehmern die anfängliche Enttäuschung über den mäßigen Zuspruch, den die Veranstaltung erfahren hatte, verflogen. Nach rund 3 Stunden Fahrt bog unser Bus um 10.00 Uhr sprichwörtlich „pünktlich wie die Maurer“ in das Areal des Schwerlastverkehrszentrums in Erstfeld ein. Dort empfing uns der Dienstchef des Zentrums, Josef Lorens von der Kantonspolizei des Kantons Uri. Mit einführenden Worten erläuterte uns Herr Lorens Sinn und Zweck des Zentrums. Anhand eines Filmes wurden uns die Funktionsweise, die Kontrollabläufe und die einzelnen Arbeitsschritte im Schwerlastverkehrszentrum nähergebracht.

Bild 01: Luftbild des Zentrums mit vollbesetzten Warteplätzen
Bild 01: Luftbild des Zentrums mit vollbesetzten Warteplätzen

Seit Jahrhunderten verbinden die Alpenpässe, wie der Große St. Bernhard im Westen, der San Bernardino im Osten sowie der Simplon und der St..Gotthard in der Mitte der Schweiz den Norden und Süden Europas. Die Verkehrspolitik der Schweiz hat sich zum Ziel gesetzt, den alpenquerenden Güterverkehr von der Straße auf die Schiene zu verlagern, weshalb in den letzten Jahren die Neue Alpentransversale (Neat) mit dem 57 km langen Gotthardbasistunnel gebaut wurde. Zusammen mit dem Simplon-Ast ist dies die erste Flachbahn durch die Alpen. Da der Bau der Neat allein allerdings nicht genügt um den alpenquerenden Güterverkehr von der Straße auf die Schiene zu bringen, hat die Schweiz flankierende Maßnahmen beschlossen. Eine wesentliche Maßnahme ist dabei die verstärkte Kontrolle des Schwerverkehrs. Diese Kontrollen sorgen für die bessere Einhaltung der Vorschriften, verbessern damit die Verkehrssicherheit und tragen nach dem Prinzip „Was nicht sicher ist und nicht den Vorschriften entspricht fährt nicht“ zum fairen Wettbewerb zwischen Schiene und Straße.

Was alles passieren kann, zeigte sich 2001 als im Gotthardtunnel im Zuge der Autobahn A2 zwei LKW kollidierten. Im Brandinferno starben 11 Menschen. Zum einen wurde seit dieser Katastrophe der Straßentunnel sicherheitstechnisch laufend verbessert, zum anderen machte auch das Management des alpenquerenden Verkehrs große Fortschritte. Seit dem Jahr 2002 wird durch die Polizei die maximale Anzahl der Fahrzeuge, die den Straßentunnel nutzen, mit dem sogenannten „Tröpfchenzählersystem“ dosiert. An der bei Göschenen eingerichteten Dosierstelle müssen die Lastwagen stoppen, um dann einzeln in den Tunnel eingelassen zu werden. Auch der Individualverkehr muss stoppen, sobald der Gesamtverkehr 1000 Fhz/Stunde übersteigt. So wird der Tunnel nie überfüllt und die Mindestabstände werden gewahrt. Der Verkehrsfluss im Tunnel wurde so verbessert und die Zahl der Unfälle vermindert. Allerdings führte dies zum Teil zu langen Wartezeiten für Lastkraftwagen in den vorgelagerten Warteräumen auf den Standspuren der A2 mit unhaltbaren Zuständen für die Chauffeure und die Menschen entlang der Strecke. Da dies auf längere Sicht nicht tragbar war, brauchte man für das Management des Verkehrs neue Lösungen. Die Schweiz hat mit dem Konzept der Einrichtung von Schwerverkehrszentren ihre Lösung gefunden. Diese sollen im Endausbau insbesondere an den Nord-Süd-Achsen und West-Ost-Achsen über das ganze Land verteilt sein.

Bild 02: Die Gebäude des Zentrums (v.li.: techn. Prüfhalle-Büros-Kontrollstand)
Bild 02: Die Gebäude des Zentrums (v.li.: techn. Prüfhalle-Büros-Kontrollstand)

Mit unserem Exkursionsziel in Erstfeld im Kanton Uri wurde im Jahr 2009 das bisher größte Zentrum offiziell in Betrieb genommen. Es schlugen Baukosten von rund 70 Mio. CHF zu Buche. Das Gelände des Schwerverkehrszentrums gehört dem Bund. Betrieben wird das Zentrum durch die Kantonspolizei des Kantons Uri, wobei jährlich rund 6 Mio. CHF Betriebskosten anfallen. Seit Inbetriebnahme werden auf der Gotthard-Achse der Schwerverkehr, d.h. die Fahrzeuge, die Ladungen und die Chauffeure durch die Polizei stichprobenweise kontrolliert. Die Kontrolle erfolgt in nachstehend beschriebener Abfolge: Alle LKW fahren von der A2 in das Gelände des Zentrums ein. Im Zuge des Einfahrens erfolgt bereits eine automatische Höhenkotrolle. An der darauffolgenden sog. Dynamischen Vorkontrolle (Waage und Profiler) wird das Fahrzeug an der Waage gewogen. Der Wiegebereich ist durch Personal des Zentrums besetzt, das sich zunächst grob ein Gesamtbild vom Zustand des Fahrzeuges macht, sowie auch auf Auffälligkeiten beim Fahrzeuglenker (z.B. Übermüdung etc.) achtet. Per Zufallsprinzip wird entschieden, ob das Fahrzeug wieder zurück auf die A2 fahren kann oder in die weiteren Kontrollen unterzogen wird (bei Auffälligkeiten wird auf jeden Fall weiter kontrolliert). In der folgenden polizeilichen Kontrolle werden geprüft: Führerschein, Fahrzeugpapiere und die Fahrfähigkeit des Fahrers. Automatisch werden kontrolliert: Die Fahrzeugdaten, die Abmessungen und das Gewicht. Durch Personal des Zentrums erfolgt eine Kontrolle der Ladung und der Ladungssicherheit sowie die Kontrolle der Arbeits- und Ruhezeiten.

Bild 03: Kontrollbereich für die polizeiliche Kontrolle
Bild 03: Kontrollbereich für die polizeiliche Kontrolle

Auch nach dieser Kontrollphase wird entschieden, ob das Fahrzeug weiterfahren kann oder ob eine vertiefte Kontrolle gemäß der Straßenverkehrskontrollverordnung durchgeführt wird, was in etwa dem technischen Umfang einer TÜV-Prüfung entspricht. Je nach Ergebnis dieser Prüfung können Fahrzeuge an der Weiterfahrt gehindert werden. Z.T. werden Reparaturen vor der Weiterfahrt angeordnet oder es werden Bußgelder oder Bußkautionen fällig. Wird das Fahrzeug nach den intensiven Kontrollen oder nach einer erfolgten Reparatur zur Weiterfahrt zugelassen, geht es im Areal des Schwerverkehrszentrums in den Warteraum. Auf der Anlage können 495 LKW geparkt werden, die danach in den Abfahrtsraum geschickt werden. Von dort aus erfolgt dann die Vordosierung zur Einfahrt in den Gotthard-Straßentunnel. Für die Verpflegung steht den Chauffeuren auf dem Areal des Zentrums ein Restaurant zur Verfügung. Trinkwasser, die Benutzung von Toiletten und Duschen, sowie das Abstellen der Fahrzeuge über Nacht sind gratis. Wie uns Dienstchef Lorens erläuterte, beschäftigt das Schwerverkehrszentrum Uri 52 Mitarbeiter, die zwischen 100 und 150 Kontrollen pro Tag im Schichtbetrieb zwischen 5 Uhr und 22 Uhr durchführen. Im Jahr 2016 wurden bei den Kontrollen, z.B. folgende Anzahl von Verstößen festgestellt: Gesamtgewicht 2851 Stück, Fahrzeugabmessungen 1992 Stück, Arbeits- u. Ruhezeiten 847 Stück und Technische Mängel 4093 Stück. Die kontrollierten Fahrzeuge verlassen das Zentrum in einem verkehrssicheren Zustand und Dank der Dosierung bei der Ausfahrt zum optimalen Zeitpunkt. Im Anschluss führte uns Herr Lorens über das Gelände des Zentrums, wo wir u.a. mitverfolgen konnten, wie ein LKW automatisch vermessen und dessen Ladung überprüft wurde.

Bild 04: Herr Lorens erläutert die polizeilichen Kontrolle

Im großen Prüfraum mit zwei Prüfgruben zeigte uns Herr Lorens, die bei technischen Kontrollen ausgebauten Fahrzeugteile und die Exkursionsteilnehmer rieben sich manchmal verwundert die Augen, denn es wurde offensichtlich, dass so mancher LKW, der auf unseren Straßen unterwegs ist, durchaus als Sicherheitsrisiko bezeichnet werden kann.

Bild 05: Prüfhalle mit Prüfgruben
Bild 05: Prüfhalle mit Prüfgruben

Nach dem Rundgang durch das Zentrum bedankte sich unser Vorsitzender Gerald Schmidt bei Herrn Lorenz für den Vortrag und die Führung und überreichte als kleines Dankeschön ein Präsent mit Freiburger Münsterwein.

Aus dem Kanton Uri ging es dann zurück nach Luzern,, wo auf die Exkursionsteilnehmer als Nachmittagsprogrammpunkt eine Führung durch das Verkehrshaus der Schweiz wartete. Zunächst galt es aber, sich mit einem Mittagessen im Restaurant des Verkehrshauses für die Besichtigungstour zu stärken. Danach gab es eine ca. eineinhalb Stunden dauernde Führung durch das Museum, nach der dann jeder Teilnehmer noch eine starke Stunde Zeit hatte, seine persönlichen Highlights nochmals genauer unter die Lupe zu nehmen.

Durch die einzelnen Abteilungen des Verkehrshauses, das zu 90% durch Sponsoren und Spendengelder und zu 10% aus staatlichen Zuschüssen finanziert wird, führte uns Herr Abraham Krieger.

Bild 06: Alles lauscht Herrn Abraham Krieger
Bild 06: Alles lauscht Herrn Abraham Krieger

Wenn auch Herr Krieger bei der Vielzahl der Themen und Objekte logischerweise nur auf einzelne besonders wichtige und bedeutsame Aspekte eingehen konnte, so merkte man doch, dass es ihm eine Herzenssache war, möglichst viel von seinem fast unerschöpflich scheinenden Wissen um Ausstellungsthemen und Ausstellungsstücke den Teilnehmern nahe zu bringen. In allen Ausstellungshallen erhielt man zusätzlich an interaktiven Infostationen per erläuternden Videos und Zeitdokumenten (Bilder, Filmdokumentationen, Schriftstücke) umfassende Informationen zu den Themenbereichen.

Zunächst ging es in den Ausstellungsbereich, der sich mit dem schweizerischen Schienenverkehr beschäftigte. Zu besichtigen gab es dort u.a. Trambahnen, BergZahnradbahnen, Dampf- u. Dieselloks sowie auch Elektrolokomotiven, darunter das berühmte „Krokodil“. Eine 57 Meter lange Modellwand als Schnitt durch den Gotthard zeigte im Maßstab 1:1000 den Verlauf des neuen Gotthardbasistunnels durch die verschiedenen geologischen Schichten.

Bild 07. Das berühmte „Krokodil“
Bild 07. Das berühmte „Krokodil“

In der neuen mit vielen Straßenschilder verkleideten Halle des Straßenverkehrs erläuterte uns Herr Krieger, dass die Schweiz mit einem Umsatz von rund 13. Mrd. CHF einer der größten Zulieferer der europäischen Autoindustrie ist. In der Halle des Straßenverkehrs sind historische und aktuelle Fahrzeuge zu besichtigen. Eine Zwei- und Dreiradausstellung sowie viele Oldtimer der verschiedensten Automobilhersteller lassen die Herzen der Automobilisten höherschlagen. Zu den Glanzstücken zählen die verschiedenen Modelle der ehemaligen Schweizer Automarke „Monteverdi“ die ebenfalls in dieser Halle präsentiert werden.

Bild 08: Die neue Ausstellungshalle Straßenverkehr
Bild 08: Die neue Ausstellungshalle Straßenverkehr
Bild 09: Kultauto Monteverdi
Bild 09: Kultauto Monteverdi

Wären wir in Hamburg gewesen, so hätte wohl jeder Teilnehmer eine große Ausstellung zur Schifffahrt erwartet. Dass sich aber auch im Schweizer Verkehrshaus eine ganze Ausstellungshalle mit der Schifffahrt beschäftigen würde, war für uns dann doch überraschend.. Wie uns Herr Krieger erläuterte, brachten mechanisierte Schiffe lange vor der Eisenbahn die Moderne in die Schweiz. Das älteste Verkehrsmittel im Verkehrshaus ist ein jungsteinzeitlicher Einbaum aus dem Bielersee. Die Maschine des VierwaldstätterseeRaddampfers «Pilatus» oder ein betriebstüchtiger Schiffsdiesel eines Rheinschiffes von 1929 demonstrieren ein Stück jüngerer Schweizer Schifffahrtsgeschichte. Historische Modelle, Original-Boote, Schiffsmaschinen und ein Modell einer Schiffsschleuse ergänzen die Ausstellung. Zu sehen ist u.a. auch eine Ikone der Mobilitätsgeschichte. Die „Mesoscaph“, das erste und größte je für den Tourismus gebaute U-Boot der Welt, das als einziges offizielles U-Boot für den Einsatz in der Schweiz zugelassen ist. Das von Auguste Piccard entworfene und von seinem Sohn Jacques gebaute U-Boot war der Star der Landesausstellung 1964 in Lausanne. Es ging während der Expo 64 über tausend Mal auf Tauchgang und beförderte dabei über 30.000 Passagiere.

Bild 10 Die Mesoscaph
Bild 10 Die Mesoscaph

Hatte man Schiffe im Verkehrshaus nicht erwartet, so war der nächste Themenschwerpunkt geradezu Schweiz-typisch. Es ging zur Seilbahnaustellung, in der, von der handbetriebenen Transportbahn oder dem ersten Skilift bis zur modernen Großraumkabine alles zum Thema Seilbahn zu sehen war. Mit den relativ geländeunabhängigen Luftseilbahnen wurde auch die letzte Meile zum Berggipfel für breite Bevölkerungskreise zugänglich.

Bild 11: Bogenlift
Bild 11: Bogenlift

Nicht ohne Stolz hob Herr Krieger die Pionierrolle der Schweiz in der Erschließung der Alpenwelt und damit auch als Existenzgrundlage touristischer Anbieter hervor. Die letzte Etappe der informativen Führung durch die Ausstellungshallen des Verkehrshauses führte uns zur Ausstellung „Space“, die sich mit der Luft- und Raumfahrt beschäftigte. Über 30 historische Flugzeuge und Flugapparate sowie mehr als 300 Originalgegenstände, Modelle, und Simulatoren brachten uns in diesem Ausstellungteil quasi auf spektakuläre Reisehöhen.

Bild 12: Flugzeuge verschiedener Generationen
Bild 12: Flugzeuge verschiedener Generationen

Am Ende der kurzweiligen und interessanten Führung wies uns Herr Krieger noch darauf hin, dass es neben dem von ihm Gezeigten im Schweizer Verkehrshaus von Luzern z.B. in der Media-World, in der Swissarena, in der I-Factory, im Planetarium oder im Space-Transformer noch vieles zu entdecken gibt. Unser Vorsitzende, Herr Schmidt, bedankte sich bei Herrn Krieger für die mit viel Wissenswertem gespickte Führung und überreichte ihm ebenfalls ein Präsent mit Freiburger Münsterwein.

Nach einer guten Stunde, die nun jedem Exkursionsteilnehmer zur freien Verfügung stand, um sich die einzelnen Attraktionen näher anzusehen oder auszuprobieren, ging es mit dem Bus zurück ins Badische.

Otmar Haag