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Die Ortsdurchfahrt ist nicht nur für Autos da

11. Oktober 2013 |
Die Straßenverkehrsordnung sieht solche Schilder gar nicht vor, in der Gemeinschaftsstraße von Frankfurt-Nieder-Erlenbach weiß man sich zu behelfen
Die Straßenverkehrsordnung sieht solche Schilder gar nicht vor, in der Gemeinschaftsstraße
von Frankfurt-Nieder-Erlenbach weiß man sich zu behelfen
Ohne die Saarlandstraßen-Verlängerung hätten die westlichen Heilbronner Stadtteile kaum eine Chance auf eine Beruhigung ihrer Ortsdurchfahrten. So hieß es dieser Tage im städtischen Bauausschuss. Stadträten, die so denken, hätte man raten sollen, gestern bei einer Fortbildungsveranstaltung in der Harmonie vorbeizuschauen. Die 2451 Mitglieder starke Vereinigung der Straßenbau- und Verkehrsingenieure Baden-Württemberg (VSVI) – deren Bundeschefin die Heilbronner Amtsleiterin Christiane Ehrhardt ist – zeigte auf, wie Ortsdurchfahrten für alle Verkehrsteilnehmer und sogar für Anwohner attraktiver werden. „Wenn man nur will, geht viel mehr als man denkt,“ betonte der Experte Jörn Janssen aus Hannover. Er schickte damit eine Gruß- adresse an Bedenkenträger aus Politik, Behörden und Wirtschaft. Die Zeit der klassischen Durchfahrtsstraße, möglichst breit, mit getrennten Bahnen und Parkständen für Autos, Fußgänger und manchmal auch für Radler sei vorbei; nicht zuletzt wegen Finanznot und neuer Fördermodalitäten. Ein Blick nach Holland und Österreich zeige, dass die Nachbarn schon weiter sind und „alle gut damit leben“: etwa mit „Shared Spaces“, also mit Flächen, auf denen alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt sind. Die deutsche Straßenverkehrsordnung sehe hierfür nicht einmal passende Schilder vor, weshalb man oft auf „Tempo 20“ oder die missverständliche Kinderspielstraße zurückgreife. Janssens zentrale These: Stadtmobiliät muss neu definiert und ansprechend gestaltet werden.“ Bisher verteilt sich der bundesweit durchschnittliche Mobilitätsanteil so: Fußgänger stellen 23 Prozent, Radler neun, Autofahrer 44, Mitfahrer zehn und ÖPNV acht; wobei in einer mit Heilbronn vergleichbaren Stadt wie Flensburg die Wegstrecke jeweils nur 3,6 Kilometer beträgt, in Kleinstädten noch weniger. Janssen ist für eine Kfz-Reduzierung und den gesunden Mix. Unter Umständen heiße dies auch: raus mit großen, rein mit kleinen Bussen. Wegfall von Parkplätzen, wobei der Kunde sowieso eher wegen Angebot, Qualität und Service komme und nicht wegen des Parkens. Wichtig seien Barrierefreiheit, freie Sicht für Sicherheit, Ruheräume, auch zur Kommunikation und eine einladende Gesamtgestaltung der Gemeinschaftsstraßen und -plätze. Kreisel Dazu gehöre auch mehr Mut zu punktuellen Maßnahmen wie etwa Minikreisel: ein Durchmesser von 14 Meter verkrafte 8000 Kfz pro Tag, einer mit 21 Meter immerhin 21 000. Auch Querungshilfen, am besten alle 50 Meter, Schutzstreifen für Radler („nur zur Not“), temporäre Sperrungen, bürgernahe Öffentlichkeitsarbeit – und eben passende Schilder. Janssen hat übrigens auch das Heilbronner Fußgängerkonzept erarbeitet, bei der AlleePlanung war er leider nicht dabei.