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Besichtigung der Baustelle „Verlängerung der Tramlinie D der Straßburger Straßenbahn bis zum Bahnhof und zum Rathaus von Kehl“

10. Mai 2016 |

Es sah am Morgen der zweiten Bezirksgruppenveranstaltung im Jahr 2016 nicht gerade danach aus, als ob es der Wettergott mit den Teilnehmern der Baustellenexkursion gut meinen würde. Dicke Regenwolken luden noch am Morgen des 10.Mai ihre nasse Fracht ab. Doch bereits während der Fahrt von Freiburg nach Straßburg verzogen sich die Wolken. Als die in Freiburg gestarteten 12 Exkursionsteilnehmer an der Baustelleneinrichtungsfläche in Straßburg auf die 4 Teilnehmer aus dem nördlichen Bezirksgruppenbereich trafen, hatten sich die Wolken verzogen. Einem Nachmittag mit interessanten Einblicken in das Baugeschehen rund um die Gemeinschaftsmaßnahme der Stadt Straßburg auf französischer und der Stadt Kehl auf deutscher Seite stand nichts mehr im Wege.

Zunächst hieß der neue Vorsitzende der Bezirksgruppe, Herr BD Gerald Schmidt alle Teilnehmer recht herzlich willkommen. Von der Stadt Kehl konnte er vom Tiefbauamt Frau Ilona Jetschmanegg begrüßen. Nach einigen einführenden Worten übergab der Vorsitzende den Staffelstab für den weiteren Ablauf des Nachmittages an seinen Namenskollegen Projektleiter Wolfgang Schmidt von der CTS (Compagnie des Transports Strasbourgeois), der die Exkursionsteilnehmer zu einer einführenden Information in das Baubüro bat.

Projektleiter Wolfgang Schmidt erläutert die Maßnahme
Bild 1: Projektleiter Wolfgang Schmidt erläutert die Maßnahme

Die Straßburger Tramline D fährt derzeit bis zur heutigen Endhaltestelle Aristide Briand, die ca. 2 Kilometer von der deutsch-französischen Staatsgrenze entfernt liegt. Von dort aus soll die Trasse über die Môle de la Citadelle, eine Halbinsel, auf der Stadtwohnungen entstehen sollen und auch ein Yachthafen geplant ist, weiter Richtung Osten (Deutschland) führen.

Trassendarstellung der Tramlinie
Bild 2: Trassendarstellung der Tramlinie

Über eine Brücke (Citadelle-Brücke), die auch für Fußgänger und Radfahrer ausgelegt wird, überquert die Trasse danach das Vauban-Becken und kommt auf dem Starlette-Gelände an.

Blick auf die Citadelle-Brücke
Bild 3: Blick auf die Citadelle-Brücke

Dort sieht die Stadt Straßburg zukünftig ebenfalls Wohnungs- und Gewerbebau vor. Auf dem Weg Richtung Rhein bindet die Tramlinie D auch das Coop-Areal an. Dort sind, quasi als Schutzwall zwischen der Industrie im Straßburger Hafen und der zukünftigen Wohnbebauung, kulturelle Einrichtungen und Werkstätten für Künstler geplant. Entlang des Coop-Areals verläuft die Tramlinie dann zum Zentrum des Stadtviertels Port du Rhin. Über eine zweite Brücke (Rheinbrücke), die auch für Fußgänger und Radfahrer ausgelegt wird, erreicht die Tram das Kehler Ufer.

Blick auf die beiden Bögen der Rheinbrücke
Bild 4: Blick auf die beiden Bögen der Rheinbrücke

Im ersten Bauabschnitt wird die Straßburger Tramlinie D über den Rhein bis zum Kehler Bahnhof verlängert. Dort soll aber nicht Endstation sein. Wie in Straßburg soll die Tram als Instrument der Stadtentwicklung genutzt und in einem zweiten Bauabschnitt weiter bis zum Kehler Rathaus geführt werden. Damit führt die Tram ihre Nutzer unmittelbar an die Fußgängerzone heran. Am Rathaus wird die Rendezvous-Haltestelle für alle Busse aus den Ortschaften und aus der Kernstadt eingerichtet.

Bei der Finanzierung des Baus der Tram gilt: Beide Partner bezahlen die Tramstrecke auf ihrem Territorium. Die Kosten für die neue Rheinbrücke mit Tramgleisen, Fuß- und Radwegen werden geteilt. Die Gesamtkosten des Streckenabschnitts von der heutigen Haltestelle Aristide Briand bis zum Kehler Rathaus, inklusive Planung, Grunderwerb und Baunebenkosten, belaufen sich auf 107 Millionen Euro.

Der deutsche Anteil an den Baukosten beträgt 38,45 Millionen Euro: Davon 12,15 Millionen für die Trambrücke, 8 Millionen für die Strecke bis zum Bahnhof und 18,3 Millionen Euro für die Strecke bis zum Rathaus.

Die französische Seite muss, wie die deutsche Seite, für die Rheinbrücke 12,15 Millionen Euro aufbringen. Dazu addieren sich auf Straßburger Seite die Kosten für die Gleisstrecke von der Rheinmitte bis zur Haltestelle Port du Rhin, die sich auf 3 Millionen Euro belaufen und die Strecke bis zum heutigen Endhaltepunkt Aristide Briand in Höhe von rund 34 Mio. Euro.

Aus dem Interreg-Programm der Europäischen Union erhalten die Stadtgemeinschaft Straßburg und die Stadt Kehl gemeinsam rund 2 Millionen Euro für den Bau der Rheinbrücke. Bund und Land haben der Stadt Kehl eine Förderung in Höhe von bis zu 26,2 Millionen Euro zugesagt.

In einem Kooperationsvertrag zwischen der CUS (Communauté urbaine de Strasbourg = Stadtgemeinschaft Straßburg) und der Stadt Kehl wurde geregelt, dass Bauherr für die gesamte Maßnahme und zukünftiger Betreiber die CTS ist. Dies bedeutet, dass sich die CTS sowohl für die Ausschreibung und die Durchführung der gesamten Baumaßnahmen auf deutscher und französischer Seite verantwortlich zeichnet und auch für den späteren Trambetrieb -auch auf deutscher Seite- bis zur Haltestelle Bahnhof bzw. Rathaus Kehl zuständig sein wird. Der Betreibervertrag zwischen der CTS und der Stadt Kehl ist derzeit im werden.

Dass sowohl für das mehrstufige Ausschreibungsverfahren als auch hinsichtlich der beim Bau und Betrieb anzuwendenden Vorschriften und Richtlinien umfangreiche Absprachen und Vereinbarungen zwischen den beiden Partnern notwendig waren, versteht sich von selbst.

Projektleiter Schmidt ging dann speziell auf die Herstellung der Rheinbrücke ein. Im Rahmen der Verlängerung der Tramlinie D in Richtung Kehl ist die Rheinbrücke die wichtigste und symbolträchtigste Brücke. Über die Trambrücke werden auch Fußgänger und Radfahrer den Fluss überqueren können. Sie liegt in Fließrichtung des Rheins gesehen, zwischen der Europabrücke (Straßenverbindung) und der Eisenbahnbrücke.

Rheinbrücke - Bogen bildet Trennung des Geh-Radweges und der Tramtrasse
Bild 5: Rheinbrücke – Bogen bildet Trennung des Geh-Radweges und der Tramtrasse

Planung und Bau der Brücke sind nach französischem Recht ausgeschrieben worden, weil dieses – im Gegensatz zum deutschen – erlaubt, die Kosten zu deckeln. Laut der Ausschreibung durften sich die Baukosten für die Rheinbrücke auf maximal 28 Millionen Euro belaufen – alle vier Wettbewerbsteilnehmer in der Endrunde traten mit Brücken an, die billiger waren. Möglich ist die Kostendeckelung, weil Planung und Bau der Brücke gemeinsam ausgeschrieben wurden, also der Erfindergeist der Unternehmen gefordert war.

Für den Entwurf und den Bau der Brücke wurden nur wenige bindende Vorgaben (z.B. landseitige Anschlusspunkte, nur ein Flusspfeiler etc.) gemacht. Erscheinungsbild, Materialien (Stahl/Beton), Tragsystem o.ä. waren nicht vorgegeben, sodass den Bietern ein großer Gestaltungsspielraum blieb. Eine deutsch-französische Jury hat die Bogenbrücke des Konzerns Bouygues ausgewählt, der seinen Entwurf in Kooperation mit der deutschen Firma Früh Ingenieurbau entwickelt hat. Unter den vier Entwürfen, die in der Endauswahl des Wettbewerbs waren, war dies derjenige Entwurf, welcher an Land den geringsten Flächenverbrauch aufweist. Bei der Brücke handelt es sich um eine so genannte „Doppel- Bowstring-Konstruktion“ mit zwei je 20 Meter hohen Bögen. Die Bögen bestehen aus kleinen kastenförmigen Stahlelementen. Die Brücke ruht auf einem Mittelpfeiler im Rhein.

Rheinbrücke - Gleislage vor dem Einbetonieren
Bild 6: Rheinbrücke – Gleislage vor dem Einbetonieren

Die neue, rund 24.3 Millionen teure Rheinbrücke hat eine Länge von 290 Meter und eine Breite von 16 Metern. Die Höhe der Bögen beträgt 20 Meter. Die Arbeiten an der Brücke haben im Juni 2014 mit dem Bau des Flusspfeilers und der Widerlager auf beiden Rheinseiten begonnen. Parallel dazu wurden die beiden Brückenteile (Länge jeweils 145 m) in Belgien vorgefertigt. Sie wurden einzeln mit dem Schiff über den Rhein (erstes Brückenteil im April 2015; zweites Brückenteil im Juli 2015) zur Baustelle angeliefert und mit schwerem Gerät vom Schubverband auf den Montageplatz abgeladen. Zum Abladen musste der Ponton mit seiner schweren Last in den rechten Winkel zum Kehler Rheinufer gebracht werden, was die Vollsperrung des Rheins für jeweils zwei Stunden notwendig machte. Insgesamt hat das Abladen der Brückenteile jeweils ca. zehn Stunden gedauert. Der Abladevorgang wurde mit der EDF, die stromaufwärts ein Kraftwerk betreibt, abgestimmt, damit sich beim Verbringen der beiden Brückenteile vom Schubverband auf den Montageplatz keine Probleme wegen zu hohem oder zu niedrigem Wasserstand ergaben. Auf dem Montageplatz am deutschen Ufer wurden von April bis Anfang November 2015 an beiden Brückenteilen die beiden Bögen aus einzelnen Bogenelementen, die stählernen Schrägseile und die Brückengeländer montiert. Danach wurden die Vorbereitungen für das Einschwimmen der beiden Brückenteile getroffen. Das Einschwimmen der Brückenteile erfolgte dann im Dezember 2015 in zwei Phasen. Die beiden je 145 m langen und 1500 Tonnen schweren Brückenteile wurden erneut auf einen senkrecht zum Rheinufer gerichteten Frachtkran geladen, der sie im zeitlichen Abstand von ca. einer Woche in ihre endgültige Position zwischen den Brückenwiderlagern und dem Pfeiler in der Mitte des Rheins brachte. Mittels der Gerüsttürme auf den Pontons wurden die Brückenteile angehoben und auf dem Widerlager und dem Pfeiler abgelegt. Am 18.Dezember 2015 war es dann soweit. Mit dem Einschwimmen des 2.ten Brückenteiles war der Brückenschluss geschafft, der sowohl von politischer Prominenz als auch von der Bevölkerung gebührend gefeiert wurde. Nun konnte mit den Endmontagearbeiten begonnen werden. Nach einem Belastungsversuch mit voll beladenen LKW, bei dem die Durchbiegung der Brücke unter Last gemessen wurde, konnte mit dem Gleisbau auf der Brücke begonnen werden, der zum Zeitpunkt unseres Besuches in vollem Gange war.

Rheinbrücke - Genaue Begutachtung des Gleisdehnungselementes
Bild 7: Rheinbrücke – Genaue Begutachtung des Gleisdehnungselementes

Das zweite wichtige Bauwerk im Zuge der zukünftigen Tramline D ist auf französischer Seite die sog. Citadelle-Brücke, die über das Vauban-Becken führt. Es handelt sich dabei, wie bei der Rheinbrücke, um eine Stahlkonstruktion mit Bogen. Der ca. 40 m hohe Bogen kreuzt dabei die Brücke, d.h. die Bogenwiderlager liegen an den beiden Ufern nicht auf gleicher Brückenseite. Die Brücke ist 163 Meter lang und verfügt über eine nutzbare Breite von 15 Metern. Im Querschnitt wird dieses Bauwerk ebenfalls wie die Rheinbrücke die Trambahntrasse und einen Rad- und Gehweg aufnehmen. Die Kosten dieses Bauwerkes betragen rund 12,2 Mio. Euro und sind in voller Höhe von der CUS zu tragen.

Citadelle-Brücke - Rampe mit Tramgleisen und Brücke
Bild 8: Citadelle-Brücke – Rampe mit Tramgleisen und Brücke

Die stählernen Unterbauteile von rund 27 Metern Länge wurden ebenfalls im Werk vorgefertigt, per Schwertransporter zur Baustelle geliefert und am Ufer des Vauban- Beckens zusammen montiert. Nachdem 4 Brückenteile zusammen montiert waren, wurde das nun zusammengefügte rund 108 Meter lange Brückenteil im Verschiebeverfahren im August 2015 auf eine provisorische Stahlkonstruktion in der Mitte des Hafenbeckens geschoben. Anschließend wurde die Unterkonstruktion durch zwei weitere Teile vervollständigt und später durch das Geländer und die Beleuchtung ergänzt. Der Unterbau wird von einem Bogen überspannt werden, der seit dem Sommer 2015 Stück für Stück aufgebaut wurde. Er wurde zusammen mit der Brücke über das Hafenbecken geschoben. Mittels Stahlseilen wurde der Unterbau mit dem Bogen verbunden. Über eine Hubkonstruktion wurde das mit der Brücke verschobene Bogenteil angehoben und mit den, an den Bogenwiderlagern bereits vormontierten Bogenunterteilen verbunden. Danach wurden die provisorischen Stützen im Hafenbecken entfernt. Derzeit werden im Bereich des zukünftigen Geh-Radweges die Leerrohre verlegt und die Bordsteine versetzt. Nach Fertigstellung der Abdichtung kann mit den Gleisbauarbeiten begonnen werden.

Citadelle-Brücke Leerrohrtrasse im Geh-Radweg
Bild 9: Citadelle-Brücke Leerrohrtrasse im Geh-Radweg

Im Jahr 2017 sollen die Bauarbeiten beendet sein. Mit dem Bau des zweiten Bauabschnittes auf deutscher Seite – Bahnhof Kehl bis Rathaus Kehl – soll die Gesamtbaumaßnahme Ende 2018 vollendet sein.

Nach dem einführenden Vortrag von Herrn Schmidt besichtigten wir zunächst die laufenden Bauarbeiten an der Rheinbrücke und danach die Baustelle Citadelle-Brücke, wo uns der örtliche Bauleiter empfing und die Detailfragen der Exkursionsteilnehmer beantwortete.

Nach einem gut dreieinhalbstündigen interessanten Nachmittag bedankte sich unser Bezirksgruppenvorsitzende bei Projektleiter Wolfgang Schmidt für die Bereitschaft die VSVI-Gruppe zu empfangen und die Baumaßnahme vor Ort zu erläutern.

Er überreichte das übliche Weinpräsent an den Projektleiter verbunden mit dem Wunsch, dass die Baumaßnahme weiterhin wie geplant weiterlaufen und ohne Unfälle im Jahr 2017 bzw. 2018 zu einem guten Abschluss gebracht werden kann.

Dankesworte unseres Vorsitzenden
Bild 10: Dankesworte unseres Vorsitzenden

Ebenso dankte der Vorsitzende den Fahrern, die sich bereit erklärt hatten mit ihrem PKW nach Straßburg zu fahren und VSVI-Kolleginnen und Kollegen mit zu nehmen. Vor der Heimreise erinnerte er die anwesenden Mitglieder an die im Juni anstehende Fortbildungsveranstaltung der Landesvereinigung in Leonberg, sowie die nächste Bezirksgruppenexkursion im Juli.

Otmar Haag